Prosa: Dinge, die in der Form leider nicht passiert sind

Der folgende Text behandelt unter anderem ein Thema das mich in der letzten Zeit viel beschäftigt. Homosexualität. Ich selbst war und bin der Auffassung, dass Sexualität, körperliche und geistige Liebe keine Sache des angeborenen Geschlechtes ist. Salopp gesagt: Solange alle Beteiligten alt genug sind und das Ganze einvernehmlich passiert, sehe ich kein Problem bei irgendeiner Form sexueller Praktiken oder Beziehungen.
Selbst bin ich zwar nicht schwul, aber fühle mich bei Zeiten durchaus auch zu Männern hingezogen. Vollständig heterosexuell ist ja eh keiner. In dem Sinne ist der folgende Text also auch etwas sehr persönliches und intimes. Aber keine Angst, der Text ist weder sonderlich explizit noch geht er sonderlich ins Detail. Er stellt lediglich ein Ereignis dar, das ich in meinem Leben so oder so ähnlich einmal durchleben möchte. 

So nun genug gelabert, los gehts:

Dinge, die in der Form leider nicht passiert sind.

Ein weiches Bett, eine sehr dünne Decke -vielleicht nur ein Laken- aber mir ist angenehm warm.
Langsam öffne ich die Augen. Das Licht das durch das hohe Fenster fällt blendet mich, ist aber von angenehm warmer Farbe. Langsam streiche ich mir über die nackte Brust und drehe mich auf die Seite. Neben mir schläft ein junger Mann.
Leise atmend liegt er auf dem Rücken. Unter dem Bettlaken zeichnet sich sein schlanker Körper ab.
Der Alkohol ist gnädig und lässt zu, dass ich zumindest einen Teil des vergangen Abends im Gedächtnis rekonstruiere. Wir haben uns zufällig in dieser WG getroffen auf der Abschiedsparty von irgendwem. Ich hatte mit viel gerechnet aber nicht damit. Na ja, es ist passiert und das ist gut so. Meine erste Erfahrung in die Richtung. Es war schön. Die Details verschwimmen doch in allem diese herrliche Mischung aus Kraftvollem und Zärtlichem in seinen Bewegungen und Berührungen. Ich weiß noch, dass es wunderschön war.

Behutsam und leise stehe ich auf. Ziehe mir meine Boxershorts an und tappe barfuß Richtung Tür. Ich drehe mich um und betrachte ihn, beleuchtet vom Sonnenlicht das schräg durch die Fenster fällt. Hat irgendwie was von einer Parfümwerbung. Trotzdem. Wirklich wunderschön.

Die Tür zum Flur ist angelehnt und gibt keinen Laut von sich. Die Fußbodendielen fühlen sich angenehm unter den Füßen an. In was für einer Wohnung bin ich überhaupt, klein aber gemütlich und hell sieht sie aus und ein Blick aus dem Fenster verrät, dass ich mich im etwa im vierten Stock befinde. Draußen scheint eine noch tief stehende Sonne und müde Großstadtdächer strecken sich in den Septembermorgen hinein. Das ist jedenfalls nicht die Wohnung in der der Abend gestern für mich angefangen hat.
Unter dem Küchentisch schläft ein halb bekleidetes Pärchen. Er hat seinen Kopf auf ihren Bauch gelegt und schnarcht ein wenig. Die beiden sehen wirklich putzig aus. Lächelnd fülle ich mir ein benutztes Glas mit Leitungswasser und öffne aus Gewohnheit erstmal den Kühlschrank. Mit einer Banane aus dem Obstfach setze ich mich auf die Fensterbank und schaue zu wie der Herbsttag beginnt.
Unter dem Küchentisch gähnt jemand. Sie steht auf und blinzelt mir verschlafen entgegen. Schau an, die kenn ich sogar. Flüchtig. Habe nur gerade den Namen vergessen.
„Sorry“, sage ich leise. „Hoffe ich hab euch nicht geweckt“
„Nein, kein Ding.“, flüstert sie und grinst.

Auch er ist aufgewacht und macht Anstalten aufzustehen. Mit einem dumpfen Laut stößt er sich den Kopf an der Tischplatte und sinkt grummelnd zurück auf den Boden. Sie kichert, geht auf die Knie und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Warum habt ihr denn auf dem Boden geschlafen?“, frage ich als mir plötzlich bewusst wird, dass das ja gar nichts Alltägliches ist.
„Naja“, gibt sie schmunzelnd zurück. „Im Wohnzimmer pennen schon vier Leute und unser Bett war ja wohl mehr als besetzt.“
Ich entschuldige mich aber es scheint kein großes Problem gewesen zu sein.

Nachdem ich eine kurze Notiz für den jungen Mann im Schlafzimmer auf einen Post-it-Zettel gekritzelt, mich komplett angezogen und meinen Kram zusammengesammelt habe verabschiede ich mich von dem Pärchen. Die Beiden frühstücken inzwischen mit einem leicht pummligen und netten Jungen der aus dem Wohnzimmer gewankt kam.

Ich gehe die Treppen hinunter und trete durch eine große Tür auf die Straße. Den Kragen hoch und den Schal übers Kinn gehe ich in die Richtung aus der ich Straßenbahngeräusche höre. Wo genau ich bin habe ich noch nicht ergründen können, blöd, ich hätte die Leute oben mal fragen können. Sieht aber nach Linden aus.
Der Verdacht bestätigt sich als ich um eine Ecke biege und eine Haltestelle erspähe. Yes! Ungerstraße. Meine Orientierung ist wieder da. Ab nach Hause.

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