Prosa: Hass im Wohlstandshaus

Zu dem Text der jetzt kommt habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Vergangenes Jahr habe ich ihn auf einem Poetry Slam im Bei Chéz Heinz in Hannover gelesen und die niedrigste Wertung des Abends erzielt. Das ist natürlich kein relevantes Kriterium, dennoch hat es mich nachdenklich gemacht. 
Zwei Möglichkeiten stehen zur Auswahl: Entweder war das Publikum von der Botschaft nicht angesprochen oder die Botschaft wurde nicht angemessen vermittelt. Vielleicht ist es einfacher, den Text in schriftlicher Fassung vor sich zu haben um die Aussage, die ich in ihm zu treffen versuche, zu verstehen. 
Es geht um den Hass und seine Rolle im politischen Verständnis. So geschwollen sich das auch anhört, ist es eigentlich eher belanglos. Mein Gedanke war lediglich, nur eines aufzuzeigen: Hass bringt einen nicht voran, auch wenn er die Richtigen betrifft.


Hass im Wohlstandshaus

Erhaben, kraftvoll und unfassbar lebendig. So fühle ich mich wenn ich hasse, vor Wut bebe und schreie. Mich über das auslasse was mich am Verstand der Menschen zweifeln lässt:

„Kreationisten! Scheisse wie blöd muss man eigentlich sein! Was für Idioten! Ich meine was sind das denn bitte für Leute die einem ins Gesicht sagen die Erde sei 8000 Jahre alt, es gäbe keine Evolution und die Mücken würden erst seit dem Sündenfall Blut saugen und dabei verblendet grinsen als wäre die Bibel das einzige Buch das diese Leute jemals gelesen haben. Fuck! Da könnte ich mich tagelang ununterbrochen aufregen.“

Ich fühle mich als stünde ich in der vollkommen eingerichteten Villa der heilen westlichen Welt. Ein Herrenhaus bis unter die Decke ordentlich gefüllt mit Besitztümern und Symbolen des Wohlstands. Eine Villa die Wir alle ohne unser Wissen mitgebaut haben. Als Festung, als Schild damit wir das Leid und den Schmutz nicht sehen müssen der sich draußen abspielt. Und so stehe ich in dieser Villa und weiß nichts mit den Dingen um mich herum anzufangen, sehe all die Kunst und die zauberhaften Schätzen die mich doch nur vergessen lassen sollen, dass mein Glück auf dem Leid der Leute fußt die nicht in diese Villa gelassen werden.

Doch wenn ich hasse sieht die Welt ganz anders aus. Ich zerschlage die Statuen der menschlichen Körperikonen, schlitze die Gemälde des geordneten Lebens auf, werfe das silberne Geschirr unserer dekadenten Nahrungspolitik gegen die Wände und schreie:

„Kapitalisten! Grundgütiger...! Diese Leute verkaufen uns von Kindesbeinen an ein Bild von Ordnung und Wohlstand, predigen die Gleichheit und Uniformität. Zusammen mit der Angst all unseren wunderschönen Besitz zu verlieren wenn wir nicht alle brav zu Arbeit gehen. Diese Leute kaufen sich alles. Unseren Willen, unsere Meinung, unsere Zukunft. Nein! ICH BIN KEIN PRODUKT!“

Ich trete um mich, versuche Löcher in die Wände zu reissen und mache so viel Krach wie möglich. Um die Menschen aufzuwecken die mit leerem Blick und ohne Willen durch die Villa unseres westlichen Wohlstands schleichen. Sie wollen die einfach nicht sehen, was sich außerhalb der Mauern unseres Konstruktes abspielt. Zu sehr sind sie benebelt vom Weihrauch und der vermeintlichen Schönheit ihrer Eigentümer. Sie hören mich nicht. Ihnen sind die bequemen Lügen lieber die in goldenen Lettern auf jede Wand geschrieben, in jedes Magazin gedruckt, in jedem Fernseher zu hören und im ganzen Haus verteilt sind. Meine Kehle wird heiser, ich rufe weiter:

„Konservative und Opportunisten! Verdammt. Die profitieren von unserer Leichtgläubigkeit. Die sagen was wir hören wollen und gehen einfach davon aus, dass es keiner hinterfragt. Hauptsache sie bleiben in ihren Parlamenten sitzen und können weiter die Volksvertreter und -retter spielen und ihr Gehalt einsacken. Die Angst vor jeder Veränderung lähmt uns. Scheisse! Aus Macht resultiert immer Machtmissbrauch. Denkt ihr im Ernst die Leute die ihr da wählt wären eure Freunde?“

Langsam werde ich müde. Das viele Schreien macht sich nicht länger nur in den Stimmbändern bemerkbar. Nicht mehr lange und ich werde auch in meine Starre des Alltags zurückfallen, wieder brav in der Reihe gehen und meine Stimme nicht mehr erheben.

Ein letzter Gedanke: Was bringt all meine Wut. Ich stehe da und trete auf der Stelle. Glühe zwar und setze das Haus doch nicht in Brand. Ich hätte mich bewegen sollen, meinen Hass in Taten bündeln. Es ist zu spät.

Hoffe ich nur das andere aufwachen wenn ich schon eingeschlafen bin.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Was ist Eure Meinung? Lasst es mich wissen.